10 Tage Stille-Retreat in den Alpujarras

Die meisten Menschen, die mich kennen, können sich das sicher nicht vorstellen. So gerne wie ich rede, kann ich auch schweigen. Schon seit zwei Jahren war ich immer wieder auf der Suche nach einem passenden Stille-Retreat für mich, konnte aber nichts finden. Wie ich jetzt gelernt habe, funktioniert „suchen“ auch nicht für mich. Ich habe einfach zu warten, bis das Gesuchte zu mir kommt. Also habe ich den Wunsch einfach nicht weiterverfolgt.

Alpujarras

Alpujarras

Da die Information dort erscheint, wo man hinschaut, kam sie für mich in Facebook, als ich Tina Malias Eventpost entdeckte: 10 Tage mit Meditation in Stille und drei Konzerten in den Alpujarras. Die Kombination konnte nicht besser sein. Abgesehen von dem Wunsch nach Stille, wollte ich schon immer mal eine Zeit in den Alpujarras verbringen. Diese Bergregion liegt nur circa eine Stunde Autofahrt von Málaga entfernt. Die Ausläufer der Sierra Nevada sind bekannt für die vielen ausländischen Aussteiger, die dort leben. Das fand ich schon immer faszinierend. Und dann natürlich Tina Malia, die mich mit ihrer Art Mantras zu interpretieren und Weltmusik zu singen, tief berührt hat. Sie durfte ich schon vor zwei Jahren bei einem Bhakti-Camp mit Jai Uttal in Barcelona erleben. Nur den Seminarleiter Noah aus Norwegen kannte ich noch nicht, jedoch sollte das kein Hindernis darstellen. Ich war offen für seine Meditations-Sitzungen und das Meiste davon sollte sowieso in Stille stattfinden.

Wege gibt es viele, Wahrheit nur eine

Schon in der Vorbereitung auf das Seminar freute ich mich so sehr, dass ich nach „was weiß ich wie“ vielen Jahren, das erste Mal mein Mobiltelefon für 10 Tage auf Flugmodus stellen würde. Vorher informierte ich meine engsten Kontakte und Familie mit einer Notfallnummer, setzte meine Emails auf eine automatische Antwort und meldete mich auf allen Social-Media-Kanälen ab. Schon das allein fühlte sich so richtig gut an.

Außerhalb der Zivilisation leben, hatte schon immer einen Reiz für mich

Hidden Paradise Retreat Zentrum

Hidden Paradise Retreat Zentrum

Mit Eintritt in das Seminar am Freitagabend war ich körperlich schon von der Außenwelt abgeschnitten. Das „Versteckte Paradies“ ist eines der schönsten Seminargelände, das ich je gesehen habe. Egal, wohin das Auge auch blickt, man sieht die Liebe und Passion, die in jedem Detail steckt. Abgeschnitten von Strom- und Wasser-Versorgung haben die Besitzer, Julia und Rupert, über Jahre ein autarkes Paradies geschaffen. Mit Solarpaletten wird Strom generiert und mit Quellwasser die Küche, die Sanitäranlagen, die Obstbäume, den Gemüsegarten und sogar zwei Pools gespeist. Diese Region der Alpujarras ist berühmt für ihr gutes Quellwasser. Gleich um den Berg herum befindet sich die Abfüllanlage der bekannten spanischen Wassermarke Lanjaron.

Das Gebäude La Roca

Das Gebäude La Roca

Die verschiedenen Gebäude mit den Schlafzimmern sind aus reinen Naturmaterialien wie Stein, selbst-gemischtem Sandbeton und Holz gebaut. Sie passen sich perfekt der Vegetation an. Die Meisterleistung sind die Baumhäuser. Daneben gibt es zwei runde Holz-Seminarräume, so den „Earth-Temple“ und das „Space-Ship“ für Zusammenkünfte. Das Ganze erstreckt sich über einen guten Höhenunterschied, so kommt auch die Bewegung nicht zu kurz. Die Gruppenaktivitäten bei einem Stille-Retreat sind zumeist auf sitzende Meditation reduziert. Da kommt das Berg rauf und runter Laufen gerade recht, denn das Essen ist einfach hervorragend. Es gibt drei vollwertige, pflanzenbasierte und Gluten freie Mahlzeiten am Tag. Wer mag, bekommt von „glücklichen Tieren“ aus der Region auch Käse, Ziegenmilch und Eier.

Blick auf den Berg

Blick auf den Berg

Damit sind die Grundbedürfnisse für ein gemütliches Zuhause schon mal geschaffen. Am liebsten waren mir die Hängematten auf der Panorama-Terrasse des Gebäudes „La Roca“. Dort hatte ich mein Zimmer. Herrlich konnte man die Zeit verstreichen lassen, indem man einfach in die Weite des Tales oder auf die Berge blickte. Ich habe dort auch öfter mal die Augen zugemacht und einfach geschlafen.

Ganz ohne Internet, wie ist das denn möglich?

Ich habe die „Freizeiten“ sehr genossen und erstaunlicherweise nicht einmal das Bedürfnis gehabt, in die Social-Media-Kanäle meines Handys zu schauen. Ich hatte mein Telefon stets bei mir, da es mir als Uhr und auch als Taschenlampe diente. Wenn ich das Gefühl hatte, dass ich jemanden außerhalb des Retreats etwas mitteilen wollte, dann habe ich das in mein Notizbuch geschrieben und es erst nach meiner Rückkehr erledigt. Ein paar Mal wollte ich etwas nachschauen, in Google oder Google Maps recherchieren. Somit war eindeutig, dass ich mein Telefon als Informationsquelle benutzte. Auch Fragen nach Wissen habe ich einfach verschoben und siehe da, machte ich die Erfahrung , es muss nicht alles sofort erledigt werden. Auch muss nicht jede Frage sofort beantwortet werden.

Der typische Tagesablauf

Morgens um 7:30 trafen wir uns im „Earth Temple“ zur ersten Meditation des Tages. Es ist noch dämmerig um diese Zeit. Leicht schläfrig achtete ich auf jeden Schritt beim Runtergehen zum Erdtempel. Auf dem Weg dahin füllte ich meine Wasserflasche an der dortigen Quelle auf. Frühstück gab es erst um 9:00 Uhr. Die Meditation am Morgen ist mir am leichtesten gefallen, da war der Geist im Aufwachmodus und die Sonne beschien noch nicht das Seminargelände.

Seminar-Raum Space-Ship

Seminar-Raum Space-Ship

An manchen Tagen habe ich das Frühstück ausfallen lassen, um mich meiner eigenen Yogapraxis zu widmen. Ich liebte die Ruhe und freute mich, einen ganzen Raum für mich alleine zu haben.
Nach dem Frühstück oder meiner Yogapraxis gab es die zweite Meditation. Diese hatte meist ein Thema, das uns auf einem Zettel am Eingang mitgeteilt wurde. Ich persönlich konnte keine Unterschiede in der Energie der verschiedenen Meditations-Themen in meinem Körper spüren. Meist hielt ich mich an das, was ich aus meiner Sivananda-Tradition kenne.

Ich bleibe bei meiner Art zu meditieren

Üblich waren ein paar Runden Aloma Viloma, die Wechselatmung um den Geist zu beruhigen. Danach standen  Japa, Mantra-Wiederholungen auf der Agenda oder ich habe einfach auf Ein- und Ausatmung geachtet. Manchmal habe ich auch die anderen Teilnehmer im Raum beobachtet, da einige von Ihnen anscheinend schon Ansätze einer Kundalini-Erweckung haben. Dann zuckt der Körper während der tiefen Meditation, was von außen sichtbar ist. Anscheinend ist es aber nicht von innen spürbar, wie ich auf Nachfrage am Ende des Retreats erfuhr.

Nach dem Mittagessen folgte dann die dritte Meditationspraxis des Tages. Für mich meist die härteste Übung, da ich nach dem Essen gerne etwas ruhe oder gerne eine spanische „Siesta“ halte. Es soll aber wohl ein feiner Grad zwischen Meditation und Tiefenentspannung geben, Hauptsache man schläft nicht ein. Wenn mein Kopf während der Meditation nach vorne zu kippen drohte, machte ich einfach die Augen auf. Das soll gegen das Einschlafen helfen. Vorteilhaft ist, sich einen Punkt zu suchen und ins Leere zu blicken; im Yoga nennt man das „Drishti“.
Die längeren Meditations-Einheiten von drei Stunden unterteilten sich in Abschnitte. Zumeist beginnen sie mit einer sitzenden Meditation und danach Atemübungen im Kreis. Hierzu stehen alle Seminar-Teilnehmer auf, bilden einen Kreis und nehmen sich an den Händen. Dann wird für ein paar Minuten kräftig durch die Nase ein- und durch den Mund ausgeatmet. Sobald die Hände sich nicht mehr berühren, atmet man wieder ganz ruhig durch die Nase ein und aus. Das wiederholt sich dann ein paar Mal und endet mit einer weiteren sitzenden Meditation oder intuitiver Bewegung. Ich mag die freie Bewegung am liebsten. Ohne Musik zu tanzen, frei den Körper zu bewegen, erinnerte es mich ein wenig an „Modern Dance“. Ich benutzte diese Zeit auch, um ein paar Yogaübungen zu machen, die sich gerade richtig gut anfühlten. Einmal habe ich über eine Stunde nur Yin-Asanas praktiziert, dabei hält man die Positionen mehrere Minuten. Das fühlt sich einfach großartig in der Stille eines sicheren Ortes an.
Am Ende der meisten aktiven oder passiven Meditationen legt man sich in Savasana, die Yoga-Entspannungs Position. Und nach der letzten sitzenden Abendmeditation geht man ins Bett. Ich bin meist sofort eingeschlafen. Den ganzen Tag nichts tun, kann ja auch sehr anstrengend sein.

Die Konzerte mit Tina Malia

Nur nach den Konzertabenden mit Tina Malia bin ich nicht sofort eingeschlafen. Das lag zum einen daran, dass sie meist später endeten als die Abendmeditation. Zum anderen, dass mich Mantras und Musik ja durch meine eigene Praxis sehr bewegen.
Das erste Konzert mit Tina Malia war an einem Freitagabend. Wir durften noch reden, sprich: Mitsingen. Für mich ein wunderschönes Erlebnis, da ich normalerweise freitags einen Kirtan gebe und so in den Genuss kam, selbst an einem Mantra-Singen teilzunehmen und zu tanzen.
Das zweite Konzert, während der Stille, war magisch. Ich habe noch nie vorher so still und trotzdem ekstatisch getanzt, ich kann es mit Worten gar nicht beschreiben. Tinas Stimme und die Musik zu hören, ohne selber Töne zu erzeugen, das ist ein einmaliges Erlebnis.
Das letzte Konzert ist mein absoluter Favorit. Nach den sechs Tagen der Stille haben wir mit einem „Om“ am Samstagmorgen unsere ersten Töne produziert. Abends gab es dann das Konzert von Tina Malia mit einem Mix aus Weltmusik und Mantras. Mich sprechen die Mantras natürlich sehr an und ich genieße das Tanzen und Singen, wobei ich gar nicht so viel mitgesungen habe wie beim ersten Konzert. Es ist, als ob die Stimme noch nicht wieder ihren vollen Klang hat. Das führte zu meinem absolut besten Musikmoment während des Seminares. Der letzte Song ist Tina Malias Version des „Om Tryambakam“ mit sphärischen Klängen. Dazu legte ich mich auf den Rücken, breitete die Arme aus und ließ einfach die Musik auf mich wirken. Dann konnte ich tiefe Stille und Ruhe in meinem Körper spüren. Es fühlte sich so an, wie ich mir einen sehr guten auf Drogen-Trip vorstelle.

Es ist, als ob man im Auge eines Tornados liegen würde, totale Stille und Ruhe

Ich habe schon länger für mich beobachtet, das ich still werde, wenn es um mich herum laut wird. Auch in dem Atemzirkel während der Meditationen spürte ich, wie meine Atmung immer ruhiger wurde, wenn die Atmung der anderen immer heftiger wurde. Das ist für mich eine interessante Beobachtung.

Tiefe Meditation

Tiefe Meditation

Doch wenn man mich fragt, was die tiefste Stille für mich war, dann war das in einer stillen Meditation. Das Spannende daran ist, dass ich mich vorher innerlich über etwas aufgeregt hatte. Ich – die sich in der Regel von nichts aus der Ruhe bringen lässt –  fühlte wie eine innere Hitze in mir aufstieg und ich diese ja nicht verbal äußern konnte. Und genau da kommt die Balance ins Spiel. Mit dieser Amplitude nach oben, hatte ich in der anschließenden Meditation den tiefsten Moment der Verbundenheit mit mir und dem Universum. Es war eine der Meditation im Sitzen und ich hatte das erste Mal meine Augen für eine Stunde geschlossen und habe nur nach innen geschaut. Ich habe mich auf die Atmung und die Entspannung meines Körpers konzentriert. Und da war er auf einmal der Moment, in dem ich mich mit mir und der Welt im Einklang befand. Ich fühlte mich einfach nur wohl, ohne etwas zu tun.
Ich bin sehr froh über die Erfahrung und das wird sicher nicht mein letztes Retreat in Stille gewesen sein. Der innere Prozess, der während dieser Tage angeschoben wurde, wird noch eine Zeitlang andauern. Ich bin gespannt, was das noch alles kommen wird. Es ist erst einige Tage nach dem Retreat und ich bin immer noch ein Stück weit dort und lasse es alles ganz langsam und entspannt angehen.
Ein Stille Retreat, ist das auch was für mich?
Ich kann nur jedem ein Stille-Retreat empfehlen, der bereit ist, sich für ein paar Tage darauf einzulassen. Ich halte die Umgebung und die Freiheiten während dieser Tage für sehr wichtig. Wir durften uns bewegen, wann und wie wir wollten und durften auch schreiben. Durch letzteres habe ich auch ein paar meiner Gedanken sortiert und mehr Klarheit bekommen. Ein Ergebnis davon ist, dass ich mich regelmäßig in meinem Blog mitteilen möchte.

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